
Was vor fast 100 Jahren als visionäres Experiment begann, gilt heute als ein Meilenstein der Architekturgeschichte: der Bau der Weissenhof-siedlung. Seit 20 Jahren vermittelt das Weissenhofmuseum im Haus Le Corbusier die Geschichte dieses außergewöhnlichen Orts und zeigt, warum die Ideen der Architektur-Moderne bis heute relevant sind.
Seit 20 Jahren ist das Weissenhofmuseum fester Bestandteil der Stuttgarter Museums- und Kulturlandschaft. Es befindet sich in einem Doppelhaus, das Le Corbusier und Pierre Jeanneret 1927 entwarfen. Nach seiner umfassenden denkmalgerechten Instandsetzung von 2003 bis 2005 wurde das Haus 2006 als Museum eröffnet. Es ist bis heute das einzige Haus der Weissenhofsiedlung, das öffentlich zugänglich ist.
Die besondere Qualität des Museums liegt dabei in seinem Ort: Besucher:innen erleben Architektur nicht allein anhand von Plänen, Fotografien oder Modellen, sondern können Räume, Proportionen und die ursprüngliche Idee des Hauses unmittelbar beim Durchschreiten des Gebäudes entdecken. In der linken Doppelhaushälfte vermittelt das Museum die Geschichte der Weissenhofsiedlung. In der rechten Haushälfte erkunden Besucher:innen Le Corbusiers Entwurf eines „transformablen Wohnraums“ im rekonstruierten Zustand von 1927. Betrieben wird das Museum vom Verein „Freunde der Weissenhofsiedlung e.V.“.
Architekturgeschichte im Dialog mit der Gegenwart
Mit seiner Eröffnung im Jahr 2006 wurde das Doppelhaus von Le Corbusier und Pierre Jeanneret dauerhaft als Museum zugänglich. Seitdem hat das Weissenhofmuseum rund 500.000 Besucher:innen aus Stuttgart, Deutschland und der ganzen Welt empfangen.
Zugleich ist das Museum weit über die Vermittlung seiner Dauerausstellung hinaus aktiv gewesen: Sonderausstellungen, Vorträge, Diskussionen, Konzerte, Führungen und Kooperationen haben immer wieder neue Perspektiven auf die Weissenhofsiedlung eröffnet. Dabei ging der Blick weit über die historische Architektur hinaus:
Ausstellungen wie „Wie bauen? Wie wohnen? Wie leben?“ stellten die Weissenhofsiedlung in den Zusammenhang mit anderen europäischen Werkbundsiedlungen und zeigten, wie international über neue Formen des Wohnens nachgedacht wurde.
Auch Kunst, Fotografie und zeitgenössische Architektur fanden immer wieder ihren Platz am Weissenhof. 2021 etwa setzte sich die temporäre Installation „brāhha“ mit den Spuren des Krieges und der Geschichte des Geländes auseinander. 2024 war der Weissenhof Teil des Festivals „Villa Massimo zu Gast in Stuttgart“, das Architektur, Bildende Kunst, Literatur und Musik miteinander verband. 2026 widmete sich eine Ausstellung dem Fotografen Otto Lossen, dessen Aufnahmen wesentlich zur internationalen Wahrnehmung der Weissenhofsiedlung beigetragen haben.
Ein Museum mitten in Stuttgart
Zum Selbstverständnis des Weissenhofmuseums gehört auch seine Rolle als Teil des kulturellen Lebens der Stadt. Bei der „Langen Nacht der Museen“ öffnet das Museum regelmäßig bis spät in die Nacht, beim „Sommerfest am Killesberg“ wird gemeinsam mit Institutionen aus der Nachbarschaft ein Kulturprogramm für die Öffentlichkeit angeboten. Auch beim „Tag des offenen Denkmals“ lädt das Museum mit Führungen und freiem Eintritt dazu ein, die Weissenhofsiedlung neu zu entdecken.
2016 wurde die Bedeutung des Weissenhofs durch eine besondere internationale Würdigung unterstrichen: Das Doppelhaus von Le Corbusier wurde gemeinsam mit seinem benachbarten Einfamilienhaus als Teil der transnationalen UNESCO-Welterbestätte „Das architektonische Werk von Le Corbusier – ein herausragender Beitrag zur Moderne“ ausgezeichnet.
2020 folgte eine weitere Anerkennung: Die Europäische Kommission verlieh den Werkbundsiedlungen in Deutschland, Polen, der Tschechischen Republik und Österreich das Europäische Kulturerbe-Siegel.
20 Jahre Museum, fast 100 Jahre Weissenhof
Zum 20-jährigen Bestehen blickt das Weissenhofmuseum nicht nur zurück, sondern richtet den Blick zugleich nach vorn. Denn die Fragen, mit denen sich die Architekt:innen der Moderne vor fast 100 Jahren beschäftigten, sind aktueller denn je: Wie wollen wir wohnen? Wie kann Architektur auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren? Und wie lässt sich gute Gestaltung mit den Anforderungen einer sich wandelnden Stadt verbinden?
„Das bevorstehende Jubiläum 2027 ist für uns Anlass, den Weissenhof noch stärker als lebendigen Ort der Architekturvermittlung zu positionieren. Wir wollen unser Angebot weiterentwickeln, neue Zielgruppen erreichen sowie den Austausch über Architektur und Wohnen fördern. Das Weissenhof.Forum eröffnet dafür neue Möglichkeiten. Gleichzeitig bleibt das Haus Le Corbusier Highlight des Weissenhof-Besuchs, denn es macht die Ideen der Moderne unmittelbar erfahrbar“, sagt Verena Lebherz, Leiterin des Weissenhofmuseums im Haus Le Corbusier.
JETZT ANMELDEN!
Sonderführung „20 Jahre Weissenhofmuseum – Ein Rundgang zum Jubiläum“
Sonntag, 18. Oktober 2026, 10 Uhr
Fotos:
(1) Doppelhaus Le Corbusier, Stuttgart © Brigida González/Weissenhofmuseum im Haus Le Corbusier
(2) Farbbefund aus der Bauzeit während der Instandsetzung und Wiederherstellung des Doppelhauses 2003 bis 2005 © Weissenhofmuseum im Haus Le Corbusier
(3) Rekonstruktion des Bettkastens im „Transformablen Wohnraum“ © Weissenhofmuseum im Haus Le Corbusier